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2018

Presse 2018

JUNI 2018

Busfahrer brauchen ein dickes Fell

Quelle: Artikel Aachener Zeitung
Von: Annika Kasties / Aachener Zeitung vom 15.06.2018

AACHEN.
Wenn sich Manfred Hartmann morgens für den Arbeitstag rüstet, dann hat er immer auch die sprichwörtliche Extraportion dickes Fell im Gepäck. „Dinge, die mir auf der Arbeit widerfahren, lasse ich auch auf der Arbeit“, sagt der 57-Jährige. Anders sei sein Job nicht zu leisten.

Beleidigungen, Pöbeleien – Hartmann hört sie fast täglich. Hartmann ist Busfahrer für die Aseag. Und mit den Geschichten aus seinem Berufsalltag könnte er ganze Nachmittage füllen. Die Gesellschaft, davon ist Hartmann überzeugt, hat sich verändert. „Das Aggressionspotenzial ist gestiegen.“ Nicht nur in Aachen, nicht nur gegenüber Busfahrern, nicht nur gegenüber Mitarbeitern der Aseag.

Ein Beleg dafür seien unter anderem die Fahrerschutztüren, mit denen fast alle Busse der Aseag ausgestattet sind, beziehungsweise die Flecken an diesen. Oft seien das nämlich Speichelspuren, berichtet Hartmann. Dass ein Fahrgast wutentbrannt gegen die Scheibe spucke, erlebe er fast jede Woche, unflätige Beleidigungen seien an der Tagesordnung. „Wir können als Busfahrer oft nicht mal sicherheitsrelevante Aspekte ansprechen, ohne verbal niedergemacht zu werden“, sagt er.

Nicht immer bleibt es bei bösen Worten. Ende April landete ein 58-jähriger Busfahrer im Krankenhaus, nachdem ihm ein 21-Jähriger während einer Pause in den Rücken getreten hatte. Im August 2016 sorgte ein Fahrgast für Schlagzeilen, weil er einem Fahrscheinkontrolleur seinen Ellenbogen in den Unterleib gerammt hatte. Dabei werden längst nicht alle Übergriffe auf Busfahrer und Kontrolleure öffentlich.

Körperlich angegriffen wurde Hartmann noch nicht, aber bedroht. Zum Beispiel im vergangenen Sommer. Damals sei er vormittags mit der Linie 11 auf der Jülicher Straße gefahren, als an der Haltestelle Liebigstraße ein Mann einstieg. Der wiederum habe als Reaktion auf die Aufforderung Hartmanns, den Fahrschein zu zeigen, plötzlich ein Messer gezückt. Und sei stiften gegangen, als er, Hartmann, den Täter stellen wollte. Zur Anzeige habe er den Fall nicht gebracht, sagt der Aachener. Weder bei der Polizei, noch bei seinem Arbeitgeber. „Ich habe halt ein sehr dickes Fell“, so seine Begründung.

Psychische Belastung
Das dieses zunehmend benötigt wird, weiß auch Heinz Steffens, Vorstandsmitglied der Nahverkehrsgewerkschaft der Region West und seit 38 Jahren im Geschäft. Die psychische Belastung für Busfahrer sei groß, die Anforderungen an die Kollegen seien gestiegen. „Viele Kollegen brechen die Ausbildung ab, weil sie es psychisch nicht schaffen. Man muss halt gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn man als, Arschloch‘ bezeichnet wird.“ Wobei die meisten Kunden, insbesondere Stammkunden, freundlich seien. Karsten Kinkartz, Vorsitzender der Ortsgruppe Aachen der Nahverkehrsgewerkschaft, ergänzt: „So, wie es unverschämte Kunden gibt, gibt es natürlich auch unverschämte Kollegen.“

Auch Polizeibeamte, Rettungssanitäter sowie städtische Ordnungskräfte beklagen schon länger einen zunehmend respektlosen Umgang ihnen gegenüber. Um ihre Mitarbeiter besser vor Übergriffen zu schützen, hat die Stadt Aachen eigens ein „Sicherheitskonzept Gewaltprävention“ geschnürt. Mit Deeskalationstrainings werden die Mitarbeiter geschult. Weitere Bestandteile des Konzepts sind Alarmierungssysteme, Zugangskontrollen und die weitere Einbindung von privaten Sicherheitsdiensten. Allein für das Jahr 2018 nimmt die Stadt für das Sicherheitskonzept 70.000Euro in die Hand, in den kommenden Jahren sind jeweils 100.000 Euro veranschlagt.

Davon ist man bei der Aseag noch weit entfernt. Deeskalationstrainings sind nicht fester Bestandteil der alljährlichen Schulungen, teilt Aseag-Sprecher Paul Heesel auf AZ-Anfrage mit. Erst bei strittigen Fällen, also, wenn Mitarbeiter bereits Konfliktsituationen erlebt haben, werden diese angeboten. Ein Umstand, den Karsten Kinkartz bedauert. „Dass wir gezielt darauf vorbereitet werden, wie man sich im Fall der Fälle zu verhalten hat, fehlt leider.“

Schutztüren und Notfallknöpfe
Zahlen dazu, wie häufig diese Fälle – ob nun Beleidigungen oder tätliche Übergriffe – vorkommen, gibt es indes nicht. Die Polizei führt Übergriffe auf Busfahrer nicht gesondert auf. Auch bei der Aseag werde keine entsprechende Statistik geführt, sagt Heesel. Und fügt als Begründung hinzu: „Die Sicherheitslage in Bussen wird grundsätzlich als gut eingeschätzt.“ Bei Stefan Roebrocks, Betriebsratsvorsitzender bei der Aseag, klingt das etwas anders. „Ich sehe diese Entwicklung mit Erschrecken. Das ist eine allgemeine Verrohung der Gesellschaft“, sagt er. Und berichtet, dass innerbetrieblich sehr wohl eine Statistik über Übergriffe auf Aseag-Mitarbeiter geführt werde. Diese Zahlen wolle man aber nicht veröffentlichen. Der Grund: „Wir wollen keine Nachahmer.“

Auch ohne flächendeckende Deeskalationstrainings bemüht sich die Aseag laut Roebrocks, ihre Mitarbeiter „bestmöglich“ zu schützen. Seit 2007 werden die Busse der Aseag sukzessive mit Fahrerschutztüren ausgestattet – auf Wunsch zahlreicher Kollegen. „Da ist Aachen vorbildlich“, sagt dazu Heinz Steffens. Gut die Hälfte der Fahrzeuge sind mit Videoüberwachung ausgerüstet. Zudem gibt es in allen Bussen Notfallknöpfe, mit denen die Fahrer eine direkte Verbindung zur Leitstelle herstellen können. „Diese hört dann alles, was im Bus passiert“, erläutert Heesel. Und kann dann im Bedarfsfall mobile Servicekräfte oder auch die Polizei alarmieren. Zudem sei die Aseag in der Nachsorge „sehr aktiv“, wie Roebrocks betont, etwa durch psychologische Betreuung. Trotz dieser Maßnahmen gilt laut dem Betriebsratsvorsitzenden: „Wir kriegen das bei der Aseag nicht allein in den Griff. Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Bis dafür eine Lösung gefunden ist, wird Manfred Hartmann wohl weiter mit einer Extraportion dickes Fell unterwegs sein.


MÄRZ 2018

Streik im Nahverkehr „Die Streikbereitschaft ist hoch“

Quelle: Artikel Frankfurter Rundschau
Die Fahrer von U-Bahnen und Straßenbahnen in Frankfurt könnten erneut streiken, wenn ihre Forderung nach mehr Lohn nicht erfüllt wird.
29.03.2018 / FR Frankfurter Rundschau / Von Oliver Teutsch

Warnstreik Frankfurt

Gerhard Martin und Holger Abt sitzen in ihren blauen Streikwesten im Betriebshof Gutleut. Martin (stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Nahverkehr) und Abt (Vorstand Region Mitte) kämpfen für eine Lohnerhöhung der U- und Straßenbahnfahrer in Frankfurt.

Die Gewerkschaft Nahverkehr (NahVG) ist kaum bekannt.
Martin:
Wir haben uns erst 2012 gegründet. Früher waren wir bei Verdi, aber da war die Mitgliederbetreuung wegen der vielen Fachbereiche schlecht. Wir sind die einzige Fachgewerkschaft, die einen stetigen Zuwachs hat.

Über welche Größenordnung reden wir da?
Martin:
Bundesweit fünfstellig.

Ist die Gewerkschaft denn noch irgendwo angedockt?
Martin:
Wir gehören zum Deutschen Beamtenbund (dbb). Früher waren wir bei der Gewerkschaft GDL, aber der dbb meinte, wir sollen unsere eigene Gewerkschaft gründen, weil wir nichts mit Lokführern zu tun haben.
Abt: Das ist ein bisschen bitter, denn früher hat der Straßenbahnfahrer mehr verdient als der S-Bahnfahrer, die bei der GDL sind, heute ist es umgekehrt.

Was verdient denn der Fahrer einer U-Bahn oder Straßenbahn in Frankfurt?
Abt:
In der Ausbildung 1911 Euro brutto, nach bestandener Prüfung gibt es vier Prozent mehr, nach einem weiteren Jahr nochmal vier Prozent mehr. Das sind dann 2080 Euro, mit Schichtzulagen nochmal 200 Euro mehr, aber davon kann man in Frankfurt nicht leben, gerade wenn man Familie hat.
Martin: Das ist halt bitter, wenn man einen Fulltime-Job hat und seine Familie nicht ernähren kann.
Abt: Wir haben Kollegen, die sitzen acht Stunden auf dem Bock und müssen dann irgendwo noch Regale einräumen damit es reicht. Das kann sowieso nicht sein. Ein U-Bahnfahrer hat die Verantwortung für einen millionenteuren Wagen und 1000 Leute und verdient weniger als ein Lagerist.

Was sind denn ihre Forderungen, die gleichen wie die von Verdi?
Martin:
Ja, Sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro.

Wie ist denn die Streikbereitschaft, wie viele Fahrer von U- und Straßenbahnen gibt es denn überhaupt in Frankfurt?
Abt:
Bei der VGF gibt es 760 Fahrer, etwa 60 Prozent davon sind gewerkschaftlich organisiert, die meisten davon bei der NahVG. Wir sind sehr überrascht von der hohen Streikbereitschaft.

Haben Sie den Streik bewusst in den Zeitraum der Tunnelsperrung gelegt.
Abt:
Ja, man kann uns unterstellen, dass wir das einkalkuliert haben. S-Bahnfahrer und U-Bahnfahrer sollen ja nie zeitgleich streiken.
Martin: Es muss auch mal schmerzhaft sein, aber den richtigen Zeitpunkt gibt es ohnehin nie, Wir sind Dienstleister und das trifft nun mal die Kunden. Abt: Das tut uns auch leid für die Kunden, aber man merkt jetzt heute mal, dass der Straßenbahnfahrer, der immer so grimmig guckt, fehlt.

Was schätzen sie, wie lange der Streik noch dauern wird?
Martin:
Wir können nicht in die Köpfe der Arbeitgeber reinschauen. Mehr geben wird es bestimmt, aber ob uns das dann reicht, da müssen wir schauen. Ich fürchte, es könnte noch länger dauern.

Sie können also nicht versprechen, dass U-Bahnen und Straßenbahnen nicht noch mal bestreikt werden?
Abt:
Nein, das können wir nicht.

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